INHALTLICHES

… ein ökosoziales Kunstprojekt

Zeichnung: (C) Johanna Regger

Im Wald ist es einfach. Ein Baum unterstützt den anderen. Wenn es zu eng wird, wird durch Naturgewalt oder Mensch einer entnommen. Die Verbleibenden können sich ausbreiten, die Jungen wachsen nach.

In der geplanten und aufgeteilten Stadt ist es eng für die Bäume. Der Zufall lässt hier wenig Spielraum. Möglichkeiten des Ausbreitens sind rar. Bestehende Nutzungen, wie Straßenzüge und Stellplätze, geben kaum Möglichkeiten für zusätzliches Grün. Kann es eine Neuverteilung bestehenden, endlichen Stadtraumes zu Gunsten von Flora und Fauna UND Mensch geben?

Ein beispielhafter modellartiger Baum 01 wird in der Wielandgasse auf einem Parkplatz errichtet. Dieser „Park“Platz hat Baumbedarf. Dieser Ort hat Gestaltungspotential. Auch hier könnte man im Sommer unter schattigen Bäumen sitzen. Auch hier wäre für mehr als Pflaster, Asphalt und Blech Platz.

Orte mit Baumbedarf kennt die gesamte Stadt, gibt es viele, 30.000 Bäume mehr – allein für den Bezirk Jakomini – schlägt die Studie „Jacky_cool_check“ der JOANNEUM RESEARCH 2018 vor. Lend und Gries haben wohl ähnlichen Bedarf um klimafit zu werden.

Ist das Abbild eines Gegenstandes dominanter als der Gegenstand selbst?

Vielleicht. Aber erst durch das Sichtbarmachen der Möglichkeit eines Baumes kann das Bedürfnis nach einem tatsächlichen Baum geweckt werden.

Modellhaft und abstrahiert wird – ausgehend von der Geometrie der Natur – eine fraktalähnliche Struktur entwickelt. Einem geometrisch starren System wie dem Kubus widerfährt durch seine selbstähnliche Vervielfältigung eine Transformation Das Wilde im Geregelten wird verstärkt durch die Mehrschichtigkeit von Netzverspannungen. Vergleichbar mit den Zufällen und Abweichungen organischer Substanzen, die den individuellen Ausdruck eines an sich vorgegebenen Bauplanes ermöglichen.

Ein künstlicher Baum wird aus dem Holz eines echten Baumes entwickelt. Wenn wir an Holztischen sitzen oder auf Holzböden stehen, denken wir nicht an die Bäume, die sie einmal waren.

Ursprünglich war dieser neue Modellbaum ein echter Baum. Aus dem bestehenden Gefüge Wald der Stadt Graz ausgewählt, zerschnitten, gehobelt und wieder zusammengebaut und in ein neues Gefüge gebracht, um Platzhalter für einen neuen Baum zu werden. Denn Bäume fehlen nicht nur dem Stadtbild und der Umwelt, sondern auch den Menschen und den Tieren.

Artifiziellen Bäume verweisen auf Vergänglichkeit und Kreisläufe. Diese Bäume sind welche, die sich in einer Endlosschleife befindet: Baum→artifizieller Baum→Baum.

HIER KÖNNTE (M)EIN BAUM STEHEN! Die Potentialität erweckt den Wunsch nach einem lebendigem Baum, einem, der wächst, der sein Farbenkleid verändert. Der Stellvertreterbaum ermöglicht eine individuelle Bindung;

Zu EINEM Baum, zu MEINEM Baum, zu UNSEREM Baum.

EIN Baum, VIELE Bäume. MEIN Baum, UNSERE Bäume.

Um die man sich auch kümmern kann. Potentialitäten. So wie Bruno Latour seinen Machtbegriff definiert: Er stellt die Frage, wer potentiell Macht hat und wer diese Macht aktiv ausübt. Hat eine Person Macht, geschieht nichts und sie ist machtlos.1 Übt sie ihre Macht jedoch aus, führen andere Personen in Folge dessen Handlungen aus, es geschieht etwas. Für Latour ergibt sich so die Veränderbarkeit und Verhandelbarkeit von gesellschaftlicher Praxis. Wir, als Individuen, können uns um Bäume kümmern. Wir haben die Möglichkeiten, sie in heißen Sommern zu gießen, ihnen das Leben in wenig wirtlichen Straßenzügen zu erleichtern. Jede einzelne Person hat die Möglichkeit, sich darum zu kümmern: sich um ihre nähere Umgebung kümmern. Bäume zu fordern, Platz dafür zu geben.

Die Fake-Bäume stellen mit Latour‘s Akteur-Netzwerk-Theorie nichtmenschliche Akteure dar, die wie Sprechblasen bestehender Wünsche nach Veränderung für eine lebenswerte Stadtlandschaft im Raum stehen.

Bäume fallen nicht vom Himmel, aber Samen fallen und können aufgehen – wenn man sie lässt.

nicole pruckermayr

1 Vgl. Bruno Latour: Die Macht der Assoziation; in: Belliger, Krieger (Hg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, transcript Verlag Bielefeld 2006 S. 195